Zoff nach Anleitung
München, 15. und 16. Mai 2004
Ich hab’ dir schon tausendmal gesagt…“- in der Streitschule
lernt man, dass dieser Satz in die Sackgasse führt.
Von Eva Reik
In dieser Schule wird aus einem cholerischen Vorgesetzten nicht plötzlich
der angenehme Kumpel- Chef; aus der keifenden Zimtzicke nicht im Handumdrehen
die sanftmütige Yoga- Schwester; und wer glaubt, seine Harmoniesucht
während einer einzigen Sitzung in Konfliktbereitschaft zu verwandeln,
liegt ebenso falsch. Aber: hier wird geübt und geprobt für den
Ernstfall. Es geht sozusagen um Zoff auf Anleitung in der Streitschule.
Hier zerbricht kein Geschirr, keine Halsschlagader schwillt, denn es sind
Profis versammelt. Erfahrene Streiter jeglicher Couleur, vom Studenten
im Batikshirt bis zum Manager im Maßanzug.
„
Wir sind weder Psychogruppe, noch Selbsterfahrungs- Seminar und auch mit
einer Gruppentherapie sollte man uns nicht verwechseln“, sagt Simone
Pöhlmann, die mit Angela Röthe die Streitschule leitet. Wie üblich
sind an diesem Abend vorwiegend Frauen da, fünf Männer sind immerhin
gekommen, zwischen 25 und 65 Jahre alt. Alle erscheinen pünktlich
um 19 Uhr, um in den folgenden zwei Stunden zu vertiefen, was sie in einem
Wochenendseminar gelernt haben – über Wünsche, Werte, Wahrnehmung,
Rosenkrieg, „Ich- Botschaften“ und „Du- Anklagen“. „Das
Seminar ist obligatorisch, die monatlichen Treffen dienstags für jeden
Absolventen frei“, sagt Simone Pöhlmann.
Die im Kreis sitzende Gemeinde teilt sich in zwei Hälften, geht auseinander
in Dreiergruppen, fügt sich erneut zusammen, hört, was die Leiterinnen
zum „konstruktiven Feedback“ zu sagen haben und streitet sich
dann per Rollenspiel wieder zusammen. „ Ich bin also 38 Jahre alt,
Kindergärtnerin und zickig, vergraule meinen Kollegen und bin vielleicht
im Nu meinen Job los“, sagt Zita, die im wahren Leben Monika Blaes
heißt und bei einer großen Bank in München für die
interne Kommunikation zuständig ist. „Es ist kein Problem in
die Rollen zu schlüpfen“, reflektiert Blaes die ihr übertragene
Situation. Man sei zwar nie so involviert, wie im Falle eigener Betroffenheit,
die Übungen ließen sich aber aufs reale Leben perfekt anwenden.
Zickig, biestig, blöd – keiner will so sein; in der Rolle muss
aber umgesetzt werde, was das Streit- Spiel vorgibt, und dafür kennt
jeder 1000 Gelegenheiten. Ob diskutiert wird, die Ferien an der Nordsee
oder in Griechenland zu verbringen, ob es im Badezimmer um den Zahnpastadeckel,
im Büro um mangelnden Arbeitseifer oder in der Beziehung um den Egoismus
des Partners geht. Wie oft führen solche Auseinandersetzungen in die
Sackgasse? Zu Sätzen, wie „Sie haben ja keine Ahnung“ oder „Du
wirst noch sehen, wozu ich fähig bin“.
Norbert Garbers ist seit zwei Jahren regelmäßiger Besucher der
Streitschule. „ Früher habe ich ge-merkt, dass ich wütend
bin. Heute weiß ich, ob ich traurig, verletzt oder zornig bin“,
sagt der 60- jährige Projektleiter im Maschinenbau, der sich gerade
in seiner Rolle als „Evelyn“ über Reiseleiter Manni aufregt.
Seine ganze Kommunikation habe sich durch das Training geändert, Gefühle
ließen sich besser kanalisieren, und die Keule hole er nicht mehr
so schnell raus wie früher. „Klar haben ein paar Freunde die
Sache am Anfang belächelt, generell bekomme ich aber viel positive
Resonanz“. Sätze wie „Ich hab dir das schon tausendmal
gesagt…“ kommen ihm heute nicht mehr über die Lippen.
Die Schule hat ihm gezeigt, wie man ohne verbale Ohrfeigen auskommt,
im Beruf, wie im Privaten.
„
Was wir lernen, ist Konfliktkompetenz, sagt Simone Pöhlmann, die als
Anwältin und Mediatorin täg-lich erlebt, wie selten streitende
Menschen zuhören, wie oft sie einander missverstehen und wie schnell
sich die Fronten verhärten. Jeder greift dann in seine persönliche
Waffenkammer. Das Arsenal ist riesig. Es gibt die spitzen Messer in Form
von Zynismus und Spott, die eisernen Rüstungen – Rückzug
und Schmollen-, die taktischen Geschütze wie Selbstmitleid und Manipulation,
und die Bomben, die als Vorwürfe, Drohungen abgeworfen werden.
Tja, Kathleen Turner und Michael Douglas:
Wären Sie mal schön
in die Streitschule gegangen. Dann wüsten Sie, dass man Konflikte
niemals mit Fäusten löst (in „Rosenkrieg“).
„
Wir lernen, dass sich hinter diesen Waffen Gefühle und hinter den
Gefühlen Wünsche verbergen“ sagt Pöhlmann.
Pöhlmann selbst streitet heute nicht mehr. „Destruktive Keiferei“ sei
ihr zu anstrengend. „Ich denke zwar noch genauso oft: „Gott,
ist der beschränkt!“ Aber ich sage es nicht mehr.“ Ihre
Kollegin Roethe dagegen fordert ihre Freundinnen zum Streit auf. „Dann
aber richtig, dann fliegen auch mal Fetzen.“ So versiert gehen die
Schüler noch nicht mit Konflikten um. Bis sie es geschafft haben,
werden sie wohl noch den einen oder anderen Abend im Evangelischen Forum
verbringen. „Bei Blitz und Donner in Beziehungen“ oder bei „Frontal“ lernen
sie dann, sich zu Hause oder im Büro besser durchzusetzen und trotzdem
fair zu bleiben.
Streiten will gelernt sein – der Frieden auch.
Aus der Reihe SW2 Eckpunkt
Mittwoch 16. Juni 10.15 Uhr
Hört auf zu streiten! Das bekommen Geschwisterkinder von ihren Eltern
fast jeden Tag zu hören. Und Liebespaare denken bei ihrem ersten Streit
verzweifelt: Jetzt ist es aus. Wer sich liebt, streitet doch nicht.
„
Doch“ – meinen die Seminarleiterinnen der Münchner „Streitschule“.
Es kommt nur darauf an, wie man streitet.
Detail: Konstruktives Streiten bedeutet Entwicklung, Lebendigkeit und Nähe.
Es geht dabei nicht um Macht, es geht nicht darum Recht zu bekommen oder
den anderen mundtot zu machen. Vielmehr lernt man seine eigenen Bedürfnisse
und Wünsche und die des anderen besser kennen und formulieren. Angelika
Stampfer hat an der Streitschule teilgenommen und einige kommunikative Fertigkeiten
kennen gelernt, um berufliche und private Konflikte konstruktiv und partnerschaftlich
auszutragen.
Reaktion einer Teilnehmerin
Freitag 12. August
Von: ...
Gesendet: Freitag, 12. August 2005 13:13
An: bockslaff@streitschule.ch
Betreff: Kompliment !
Hallo liebe Ann
Hallo liebe Crew der Streitschule Zürich
Einmal mehr darf ich der Streitschule ein "riesiges Kränzchen" widmen.
Diese Woche erlebte ich eine äusserst unangenehme Angelegenheit, welche sehr heikel war zu lösen. Einerseits wäre Diplomatie (dazu fehlen mir einfach die nötigen Gene) die - wohl übliche - Lösung gewesen, andererseits brauchte ich aber "klare Verhältnisse" ohne neue Verletzungen zu schaffen.
Mein Ziel: Verständnis für die Situation und dem Gegenüber vermitteln, mein Standpunkt klar erläutern und beziehen, bei mir zu bleiben und doch meinen Unmut zu zeigen ohne aber das Gegenüber zu verletzen und ... meine Akzeptanz und Wertschätzung zu bewahren.
Es gelang mir - dank den erworbenen Kenntnisse - das komplizierte Unterfangen mit dem "Musteraufbau" der Streitschule aufzufangen, die hohen Wellen zu besänftigen und sogar die Beziehung unter den Beteiligten zu vertiefen und zwar mit "Vertrauen". Am Schluss der Diskussion bekam ich ein "Kompliment" für das geführte Gespräch.
Dieses Kompliment sende ich in Form dieses E-Mails der ganzen Crew der Streitschule und sage DANKE SCHOEN für das Erlernte !
Ein tolles Wochenende und weiterhin viel Erfolg mit den Streitseminaren.
Mit herzlichen Grüssen
die Uebende